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Autor: Linda Kopaniak, Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt BW | Datum: 07.11.2017 | Kommentare: 0

Hintergründe zum "Schluchseewolf"

Der Jungwolf GW630m wanderte aus Niedersachsen bis in den Süden Baden-Württembergs und fand am Schluchsee sein plötzliches Ende. Der Artikel stellt die Hintergründe dar und gibt einen Einblick in das Wolfsmonitoring von Baden-Württemberg.

Die Meldungen in Baden-Württemberg im Verlauf

Der tote Wolf, der am 08.07.2017 im Schluchsee gefunden wurde - in den Medien häufig als „Schluchseewolf“ betitelt - wurde erstmals am 21.06. bei der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) gemeldet, eindeutig als Wolf bestätigt und durch das Umweltministerium Baden-Württemberg über eine Pressemitteilung an die Öffentlichkeit kommuniziert. (Link zur Pressemeldung „Wolf bei Überlingen beobachtet“)

Wolf Überlingen

Gemeldetes Wolfsbild vom 21.06.2017 bei Überlingen.

 

Ungefähr eine Woche später erreichte die FVA ein Foto, das schon am 19.06. bei Riedlingen gemacht wurde. Auch auf diesem Bild konnte eindeutig ein Wolf bestätigt werden. Es folgten weitere bestätigte Wolfsnachweise entlang des Bodensees. (Link zur Pressemitteilung „Überlinger Wolf scheint zu wandern“)

Wolf Stockach

Gemeldetes Wolfsbild vom 25.06.2017 bei Stockach.

 

Nach weiteren Nachweisen bei Bad Dürrheim (Link zur Pressmitteilung: „Wolf in der Region Bad Dürrheim gesichtet“) und Breitnau, Ende Juni/Anfang Juli, wurde am 08.07. ein toter Wolf aus dem Schluchsee geborgen (Link zur Pressemitteilung: „Toter Wolf aus dem Schluchsee geborgen“). Es ist davon auszugehen, dass es sich bei allen bestätigten Nachweisen in dem Zeitraum 19.06. bis 08.07. um dasselbe Individuum handelt. Ein gesicherter Abgleich wäre jedoch nur durch genetische Nachweise möglich. Bei dem Abgleich von besonderen Merkmalen der Fellfärbung bei einer Auswahl der Wolfsbilder, sind sich aber die FVA und die Experten der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) einig, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um dasselbe Individuum handelt. Hinzu kommt, dass seit dem Auffinden des toten Wolfes im Schluchsee keine sicheren Wolfsnachweise mehr bestätigt werden konnten und keine weiteren Wölfe in Baden-Württemberg bekannt sind. In folgender Karte, wurde die Wanderung des Schluchseewolfes durch den Süden Baden-Württembergs anhand der chronologisch aufgezeichneten Nachweise dargestellt:

Wanderung Schluchseewolf

Wanderung des Schluchseewolfes im Süden Baden-Württembergs.

 

Untersuchung des toten Wolfes

Zur Untersuchung wurde der tote Wolf aus dem Schluchsee an das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin (Leibniz-IZW) übergeben. Hier werden alle in Deutschland tot aufgefundenen Wölfe untersucht, da es als Referenzinstitut für das Totfundmonitoring von Wölfen in Deutschland fungiert. Um Todesursachen, Verletzungen und Erkrankungen festzustellen, wird eine detaillierte Analyse des Kadavers durchgeführt. Das IZW kam im Fall des Schluchseewolfes zu dem Ergebnis, dass er durch einen Schuss gestorben ist (Link zur Pressemitteilung: „Toter Wolf aus dem Schluchsee wurde erschossen“). Somit ist er der erste Wolf in Baden-Württemberg, bei dem eine illegale Tötung als Todesursache bekannt ist. Die Staatsanwaltschaft und die Polizei aus Freiburg haben im Fall des Schluchseewolfes die Ermittlungen aufgenommen. Insgesamt gab es in Deutschland im Zeitraum von 2003 bis Mitte September 2017 179 Totfunde. Neben der Haupttodesursache, dem Verkehr, ist in einigen Fällen die Todesursache nicht mehr festzustellen oder natürlichen Ursprungs wie etwa durch Krankheit oder Tötung durch ein anderes Tier. 25 Fälle der 179 Totfunde sind als illegale Tötungen bekannt. Außerdem gab es im genannten Zeitraum zwei legale Entnahmen, 2008 und 2016, die unter den Begriff des Managements fallen.

Wolf Wolfstotfunde Deutschland

179 Totfunde von Wölfen in Deutschland von 2003 bis Mitte September 2017.

 

Wolf Wolfstotfunde Deutschland

Wolfstotfunde in Deutschland von 2003 bis Mitte September 2017.

 

Herkunft des Schluchseewolfes

Entsprechend den genetischen Untersuchungen des DNA-Labors am Senckenberg Forschungsinstitut, handelt es sich bei dem Tier um einen Rüden, der im Oktober 2016 bereits zweimal über Losungsproben in seinem Herkunftsterritorium in Schneverdingen (Niedersachsen) nachgewiesen wurde. Das Territorium Schneverdingen (SNV), in dem der als GW630m vermerkte Wolf 2016 mit zwei anderen Welpen geboren wurde, ist erst seit dem Monitoringjahr 2015/2016 bekannt. Das Rudel wird der Zentraleuropäischen Flachlandpopulation zugeordnet.

 

Der Schluchseewolf - ein Wanderwolf?

Mit dem Schluchseewolf ist das erste Mal ein Wolf aus der Zentraleuropäischen Flachlandpopulation in Baden-Württemberg nachgewiesen worden. Das Herkunftsgebiet und der Fundort liegen ungefähr 600 km auseinander, die der Jungwolf mindestens zurückgelegt haben muss. Solch weite Strecken zu bewältigen ist für wandernde Einzelwölfe, die auf der Suche nach einer Partnerin oder einem Partner und einem eigenen Territorium sind, nicht ungewöhnlich, aber auch nicht der Regelfall. Extreme Wanderungen wurden z.B. im slowenischen LIFE Projekt SLOWOLF beobachtet, wo ein besenderter Einzelwolf 1.176 km Wegstrecke zurückgelegt hat (Razen et al., 2016: Long-distance dispersal connects Dinaric-Balkan and Alpine grey wolf (Canis lupus) populations. European Journal of Wildlife Research, 62.), sowie in Ostdeutschland, wo ein Einzelwolf namens „Alan“ 1.500 km bis nach Weißrussland wanderte (nachzulesen: http://www.lausitz-wolf.de/index.php?id=1054).

 

Wurde der Schluchseewolf auf seiner Wanderung nie bemerkt?

Bei Wanderungen von Wölfen kann es durchaus vorkommen, dass sie vom Menschen unbemerkt bleiben. Wölfe sind Wildtiere, die generell eher den Abstand zu Menschen wahren, sich vorsichtig verhalten und sich zurückziehen. Im Fall vom Schluchseewolf wurden Fotos von einem Wolf in Hessen, NRW und Bayern gemacht, bei denen äußerliche und verhaltensspezifische Merkmale annehmen lassen, dass es sich dabei um dieses Individuum auf seiner Wanderung gehandelt hat. Diesen Schluss ermöglicht die enge Zusammenarbeit mit den im Monitoring zuständigen Personen der Bundeländer und der DBBW. Doch da es keine gesicherten Nachweise (z.B. Fotos, Risse, Losungen) gibt, die dies bestätigen können, handelt es sich dabei lediglich um eine Vermutung.



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    Schluchseewolf

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