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Autor: Herdtfelder | Datum: 07.02.2013 | Kommentare: 0

Beeinflusst der Luchs Dichte und Verhalten seiner Beute?

Die Frage danach, ob der Luchs die Dichte und auch das Verhalten seiner Beute beeinflusst, lässt sich nicht allgemeingültig beantworten. Die Räuber-Beute-Dynamik ist nur ein kleiner Ausschnitt in einem sehr komplexen Wirkungssystem, das die Beute beeinflusst. Folgender Artikel gibt einen kleinen Einblick in dieses komplizierte Wirkungsgeschehen.


Beeinflusst der Luchs die Dichte seiner Beutetiere?

Weltweit befassen sich zahlreiche Forschungsprojekte mit der Räuber-Beute-Dynamik. Die Ergebnisse zeigen: Die Frage nach dem Einfluss der Räuber auf die Beute lässt sich nicht pauschal beantworten. Die festgestellten Einflüsse der Räuber auf die Beutetiere reichen von "unbedeutend" bis "erheblich". Woher kommen diese vermeintlichen Widersprüche? Zum einen sind methodische Schwierigkeiten bei der Untersuchung als Ursachen zu nennen: auch lang angelegte Untersuchungen zeigen nur einen Ausschnitt aus einer Räuber-Beute-Dynamik, die wahrscheinlich sehr langfristigen Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Dementsprechend schwer ist die Interpretation solcher Untersuchungsergebnisse. Zum anderen sind Luchs, Wolf und deren Beutetiere Teile eines äußerst komplexen Ökosystems, das von zahlreichen Faktoren beeinflusst wird. So kann der Rückgang oder die Zunahme einer Schalenwildart in einer Region sehr vielfältige Ursachen haben: neben Stressfaktoren, der Intensität des Winters, dem damit verbundenen Nahrungsangebot, Krankheiten oder der menschlichen Jagd, können auch Raubtiere wie Luchs und Wolf auf die Populationsentwicklung des Beutetieres einwirken. Diese Faktoren in ihrer Vielfalt zu erfassen und den jeweiligen Einfluss zu messen, ist bis heute in kaum einer Untersuchung zufriedenstellend gelungen.

Entgegen der früher verbreiteten Annahme weisen viele bisherigen Untersuchungen allerdings darauf hin, dass häufig nicht die jagendenden Tiere die Beutetiere regulieren, sondern dass - im Gegenteil - die Dichte der jagenden Tiere häufig von den Beutetieren abzuhängen scheint. Die Bestände der Pflanzenfresser variieren aus teilweise unbekannten Gründen - und mit zeitlicher Verzögerung folgt die Dichte der jagenden Tierarten dieser Entwicklung nach: steigt die Rehdichte in einer Region so steigt als Folge davon auch die Anzahl der Raubtiere. Nimmt die Rehwilddichte wieder ab, so werden auch die Räuber weniger. Dieses "Vorauseilen" der Beutetiere dürfte das Ergebnis aus der jahrmillionen dauernden gemeinsamen Entwicklungsgeschichte von Raubtier und Beutetier sein. Tierarten, welchen es nicht gelungen ist, dem Raubtier stets einen Schritt voraus zu sein, sind vermutlich schon vor Urzeiten ausgestorben.

Es gibt allerdings auch Beispiele dafür, dass die Raubtiere einen merklichen Einfluss auf die heimischen Beutetiere haben können. Eines davon stellen wir in einem eigenen Artikel vor: Luchse und Schalenwild im Wallis.

Eine besondere Situation stellt das Zusammentreffen von Luchsen mit nicht heimischen Beutetieren dar. Das ursprünglich in felsigen Regionen kleinasiens beheimatete Muffelwild wurde im 19. und 20. Jahrhundert auch in manchen Regionen Mitteleuropas angesiedelt. Dort, wo dem Muffelwild felsige Rückzugsräume fehlen, sind die Tiere leichte Beute für Luchse oder Wölfe und können durch Prädation in ihrem Bestand gefährdet werden.


Beeinflusst der Luchs das Verhalten seiner Beutetiere?

Das Verhalten des Schalenwildes in Abhängigkeit der Einflussgröße "Luchs" zu messen, ist bislang in keiner Untersuchung zufriedenstellend gelungen, weswegen eine objektiv überprüfbare Antwort auf obige Frage nicht möglich ist. Darüber, wie beispielsweise Rehwild beim Auftauchen eines Luchses sein Verhalten ändert, gibt es allerdings zahlreiche Erfahrungsberichte. Diese reichen von "keine Reaktion" bis hin zu "völlig verändertes Verhalten". Beide Reaktionen können plausibel sein - je nachdem, wie die Rahmenbedingungen im Revier sind. Inwiefern die mögliche Rückkehr des Luchses das Verhalten beeinflusst, muss unter Berücksichtigung der Rahmenbedingungen für jedes Revier unterschiedlich bewertet werden.

Daraus ergibt sich die Frage, wodurch das Verhalten von Wild beeinflusst wird: Einerseits sind Tiere von bestimmten Ressourcen (Nahrung, Aufzuchtgebiete) abhängig. Alle Tiere, die nicht ganz oben in der Nahrungspyramide stehen, sind darüber hinaus auf Feindvermeidungsverhalten angewiesen, wenn sie überleben wollen. Sie passen ihr Verhalten ständig an die Umgebungsbedingungen an und wägen in diesem Zusammenhang sehr genau ab, ob sich bei einer möglichen Gefahr eine Flucht oder ein Rückzug lohnt. Auch unser heimisches Schalenwild besitzt eine enorme Anpassungsfähigkeit. Der aufmerksamen Jägerin oder dem aufmerksamen Jäger wird im Revier immer wieder ein verändertes Verhalten des Wildes auffallen. Dies kann beispielsweise ein Wechsel der Einstände (Rückzugsräume) oder eine zeitliche Verschiebung der Äsungsperioden sein. Da die Tiere sich in einer ständigen Wechselwirkung mit ihrer Umwelt befinden, können hierfür Freizeitaktivitäten, jagdliche Aktivitäten, Forstarbeiten, streunende Hunde aber auch das Auftauchen von Luchs oder Wolf verantwortlich sein. Die genannten Ursachen können sich überlagern. In der Regel kehren die Tiere zu dem gewohnten und bewährten Verhalten zurück, wenn die mögliche Gefahr vorüber geht. Diese sich überlagernden Wechselwirkungen in auswertbare Daten zu übersetzen, und somit eine Verhaltensänderung einer Ursache zuzuschreiben, stellt die Wissenschaft auch heute noch vor eine große Herausforderung.

Betrachtete man die Raumnutzung von Luchsen, so fällt auf, dass Luchse häufig nach einem erfolgreichen Riss in einer andere Region ihres Streifgebietes wechseln. Dieses Verhalten könnte darin begründet sein, dass Anpassungsreaktionen der Beutetiere vor Ort (z.B. erhöhte Aufmerksamkeit) dem Luchs die Jagd erschweren. Ob diese Anpassungsreaktionen tatsächlich dazu führen, dass die Beutetiere uns Menschen gegenüber anders reagieren, ist nicht geklärt.

Interne Links:
Luchse und Schalenwild im Wallis

Quellen:
Breitenmoser & Breitenmoser-Würsten (2008): Der Luchs - Ein Großraubtiere in der Kulturlandschaft. Salm Verlag, Wohlen/Bern

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    Luchs auf Pirsch in Slowenien

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