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Autor: Miha Krofel | Datum: 17.01.2013 | Kommentare: 0

Luchsmythen

Seit rund drei Jahrzehnten streifen durch einige Reviere Deutschlands wieder Luchse. Doch immer noch ist die große Katze für viele eine Unbekannte. Miha Krofel begleitet seit Jahren in Slowenien die Forschungsarbeiten rund um den Luchs. Er hat Ansichten und Vorstellungen über das Raubtier gesammelt und gibt Antworten aus erster Hand.

Lesen Sie im Folgenden den Artikel aus der Pirsch (16/2012).
Verwendung mit freundlicher Genehmigung des Jagdmagazins Pirsch.

Der Eurasische Luchs ist die größte Katzenart in Europa. Er und der Wolf sind die beiden wichtigsten natürlichen Beutegreifer für Schalenwild in den Wäldern Zentraleuropas. Doch wurden sie hier in den vergangenen Jahrhunderten stark verfolgt. Da Luchse nicht nur sehr selten sind sondern auch einen äußerst heimlichen Lebensstil pflegen gibt es nur wenige Menschen, die jemals einen lebenden Luchs in freier Wildbahn beobachten konnten. Dieses Fehlen von eigenen, persönlichen Erfahrungen mit dem Luchs und die Weitergabe einzelner, meist auch falsch interpretierter Anekdoten, haben dazu geführt, dass viele „Mythen“ und falsche Einschätzungen über den Luchs kursieren. Während der vielen Jahre unserer intensiven Untersuchungen über die Ökologie und das Verhalten von Eurasischen Luchsen sind uns immer wieder einige typische Ansichten über den Luchs begegnet. Heute haben wir durch die Ergebnisse solcher großer Forschungsprojekte ein viel wirklichkeitsnäheres Bild des Luchs und seiner Rolle in der Natur.

Luchse liegen auf Bäumen
In freier Wildbahn klettern Luchs sehr selten auf Bäume. Wir haben Spuren von Luchsen im Schnee über viele Hunderte von Kilometer verfolgt und niemals beobachtet, dass eines der Tiere auf einen Baum geklettert ist. Diese Vorstellung vom Luchs, der auf Bäumen liegt und dort von hoher Warte aus auf seine Beute wartet, entstand in einer Zeit als Luchse mit Hunden gejagt wurden. In solchen Fällen bringen sich Luchse – wie Katzen – auf Bäumen in Sicherheit. Auch in Gefangenschaft kann man Luchse öfter beobachten, wie sie auf Bäume klettern und dort ruhen, ein Verhalten, das sie in freier Wildbahn praktisch nie zeigen. Jedoch verstecken sie manchmal ihre Beute auf Bäumen, ähnlich dem Leopard, sie jagen aber praktisch nie von einer hohen Warte aus.

Luchse trinken das Blut ihrer Beute
Luchse fressen Fleisch, sie trinken aber nicht das Blut ihrer Beute. Die Löcher im Hals von gerissenen Tieren stammen von den Eckzähnen, da Luchse ihre Beute meist durch einen Nackenbiss töten.

Luchse fressen nur frisches Fleisch
Wir haben Videoaufzeichnungen an Luchsrissen gemacht und dokumentiert, dass Luchse fast immer über mehrere Nächte hindurch zu ihrer Beute zurückkehren, bis das gesamte Muskelfleisch verzehrt ist. Werden sie jedoch am Riss gestört, können sie die Beute endgültig verlassen, selbst wenn noch reichlich Fleisch daran übrig ist.

Luchs und Wildkatze können nicht zusammen vorkommen
Obwohl es in sehr seltenen Fällen mal vorkommen kann, dass ein Luchs eine Wildkatze tötet, gefährdet eine solcher „Zufalls-Riss“ nicht das Vorkommen einer Wildkatzen Population. Beide Arten haben über Hunderttausende von Jahren gemeinsam in denselben Waldgebieten gelebt. Und auch heute noch gibt sind in einigen Luchsgebieten sehr hohe Wildkatzen Dichten, zum Beispiel in den nördlichen Dinarischen Bergen (Slowenien).

Wölfe verjagen Luchse aus ihrem Revier
Alle Studien zeigen, dass Wolf und Eurasischer Luchs dieselben Gebiete besiedeln ohne sich gegenseitig zu bedrohen. Obwohl sich ihre Speisezettel zu einem gewissen Teil überlappen, teilen sie sich das Beutespektrum untereinander auf: Wölfe jagen vor allem Rotwild. Luchse spezialisieren sich auf Reh und Gams. In ihrer Rolle im Naturhaushalt ergänzen sich die beiden Beutegreifer. Doch kann man diese natürliche Balance durch ungeschicktes Management aus dem Gleichgewicht bringen.

Mit den Ohr-Pinseln hört der Luchs besser
Die langen Haarbüschel an den Ohrspitzen der Luchse haben keinen Einfluss auf das Hörvermögen der Luchse. Noch weiß man nicht genau, welche Funktionen diese auffälligen „Pinsel“ haben. Aber am wahrscheinlichsten ist es, dass sie der Kommunikation zwischen den Luchsen dienen: Wenn sich zwei Luchse begegnen, sehen sie frühzeitig die Stellung der Ohren des Gegenübers und  können dadurch dessen „Stimmung“ schneller erkennen – ähnlich unserem Hoch- oder Zusammenziehen der Augenbrauen.

Luchse tragen das Haupt ihrer Beute davon
Niemals verschleppen Luchse das Haupt der Beute. Der fehlende Kopf ist ein eindeutiges Zeichen für einen Fuchsriss. Füchse beißen das Haupt ab und vergraben es manchmal im Boden. In der Natur kommt es immer wieder vor, dass der Fuchs ein vom Luchs gerissenes Reh findet, daran frisst und dann das Haupt „stiehlt“.

Viele Luchse leben im selben Gebiet
Luchse sind streng territorial und verteidigen ihr Revier gegenüber Luchsen des gleichen Geschlechts. Doch die Territorien einer Luchsin und eines Kuders überlappen sich gewöhnlich. Meist sind also zwei erwachsene Luchse in einem Gebiet anwesend. Nur entlang der Grenzen benachbarter Reviere überlappen manchmal die Streifgebiete von zwei Luchsinnen oder zwei Kudern. Besonders während der Ranzzeit im Februar und März kann das vorkommen. Das innerartliche Territorialverhalten verhindert auf dieses Weise, dass die Luchsdichte in einem Gebiet über ein bestimmtes Maß hinausgeht. Luchse regulieren ihre Dichte als selber. In Zentraleuropa liegen die höchsten Dichten bei etwa 1 Luchs pro 10 000 Hektaren.

Luchse rotten das Wild in ihrem Revier aus
Die Evolution hat mit dem Luchs einen spezialisierten Jäger von kleineren Schalenwild Arten geschaffen – doch seine Beute rottet er nicht aus, würde er doch dann selbst verhungern. Jedoch können Luchse die Dichte ihrer Beutetiere begrenzen. Das ist ihre „Aufgabe“ in der Natur. Ganz allgemein ist der Einfluss von Luchsen auf ihre Beutetiere höher in  Gebieten, in denen diese nur in sehr niedrigen Dichten vorkommen, zum Beispiel in bestimmten Regionen Skandinaviens. Für Zentraleuropäische Verhältnisse, wie in Slowenien, haben wir berechnet, dass ein Luchs durchschnittlich 0,1 bis 0,5 Stück Schalenwild pro 100 Hektar und Jahr erbeutet. Das entspricht etwa 5-15 Prozent der Höhe der jagdlichen Entnahme aus einem Rehwildbestand und rund drei Prozent der Rehpopulation. Davon abgesehen hat die Anwesenheit von Luchsen natürlich auch Auswirkungen auf das Verhalten des Rehwildes. Es kann vorsichtiger werden und dadurch schwierig
zu beobachten sein.

Luchse jagen nur Rehwild
Auch wenn Rehwild in den meisten Luchsgebieten Zentraleuropas die wichtigste Beutetierart ist, Luchse verspeisen aber gelegentlich auch noch andere Arten, ob Säugetiere, Vögel oder Reptilien. Eine wichtige „Zweit-Beute“ können zum Beispiel Siebenschläfer, Gams, Rotwild oder Hasen sein. Und wenn Weidetiere nicht geschützt sind, können auch sie dem Luchs zum Opfer
fallen.

Luchse reißen die stärksten Tiere des Bestandes
Es gibt Studien, in denen die Kondition und Fitness von Tieren, die der Luchs gerissen hat verglichen wurde mit Tieren, die von Jägern erlegt wurden. Dabei zeigte sich, dass Luchse eher schwächere Stücke erbeuten. Jedoch kann der Luchs auch gesundes Wild reißen, besonders, wenn es einfach weniger schwache Stücke im Revier gibt. Der durchschnittliche Jagderfolg eines Luchses ist vergleichsweise gering, deshalb fällt es ihm leichter ein Stück in schlechterer Kondition er erbeuten. Darin liegt eine wichtige  Rolle großer Beutegreifer im Naturhaushalt - sie tragen zum guten Gesundheitszustand ihrer Beutetierpopulationen bei.

Der Luchs ist für den Menschen gefährlich
Gesunde Luchse greifen keine Menschen an, selbst wenn dieser sich den Jungen nähert oder sie sogar verletzt. Jedoch verteidigen sich Luchse, wenn sie gefangen werden, zum Beispiel in einer Falle. Auch mit Tollwut infizierte Luchse können aggressiv reagieren.

Der Luchs gehört eigentlich nicht in unsere Wälder
Der Eurasische Luchs kam in allen Ländern Zentraleuropas natürlich vor. In unseren Waldgebieten hat er mindesten 100 000 Jahre überlebt. Er verschwand im Laufe des 18. bis 20. Jahrhunderts als Zuge starker Verfolgung durch den Menschen. Auch die Zerstückelung letzter Rückzugsgebiete und starke Reduktion der Schalenwildbestände im Laufe des 19. Jahrhunderts trugen zum Verlust der Luchse in vielen Ländern bei. Heute wird in einigen Ländern Zentraleuropas versucht, den Luchs wieder in einen Teil seiner alten Lebensräume zurück zu bringen.

Den orginalen Artikel (Pdf) können Sie hier nachlesen

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    Luchse im Revier - Was stimmt wirklich?

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