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Autor: Herdtfelder & Haller | Datum: 10.12.2013 | Kommentare: 0

Konzept Luchs Schweiz

Das schweizer Luchs-Konzept vom 21. Juli 2004 dient als Leitfaden auf Landesebene und regelt die behördlichen Zuständigkeiten bei Luchsfragen in der Schweiz. Es werden Empfehlungen gegeben, was Tierhalter im Falle eines Risses tun können, um den Verlust finanziell auszugleichen und wie mit problematischen Luchsen umgegangen werden kann.

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Ausgangslage

Luchse wurden aufgrund eines Bundesratsbeschlusses vom 18.8.1967 ab 1971 aktiv in der Schweiz wieder angesiedelt.

Seit dieser Wiederansiedlung in der Zentralschweiz sowie den offiziellen und inoffiziellen Freilassungen in den Kantonen VS, VD und NE kommt diese Tierart wieder in weiten Teilen unseres Landes vor. So sind die Westalpen zwischen dem Rhonetal und Aaretal, das Wallis, Teile der Zentralschweiz zwischen dem Aaretal und dem Reusstal sowie die westliche Hälfte des Juras inklusive der angrenzenden Gebiete in Frankreich in unterschiedlicher, zeitweise auch relativ hoher Dichte durch Luchse besiedelt. Eine dritte Population wurde ab 2001 mit der Umsiedlung von Luchsen in die Nordostschweiz gegründet.

Die Luchse haben noch nicht flächendeckend alle geeigneten Lebensräume besiedelt, und die Bestände bilden noch keine langfristig überlebensfähigen Populationen.

Die geeigneten Lebensräume sind untereinander noch nicht ausreichend vernetzt, so dass entweder der natürliche Austausch von Individuen zwischen den Teilbeständen oder die natürliche Besiedlung neuer Lebensräume stark eingeschränkt sind.

In der Schweiz kommen heute die einzigen zusammenhängenden bedeutenden Luchsbestände im Alpenraum vor. Sie trägt deshalb europaweit eine besondere Verantwortung für die Erhaltung und den Schutz des Luchses.

Sind die Luchsbestände gering oder mittelgroß, halten sich die Schäden an Kleinvieh, insbesondere an Schafen, in engen Grenzen. Hohe Luchsdichten können allerdings zu einer Häufung von Übergriffen führen und einzelne Schafhalter können stark betroffen sein. Parallel dazu können Reh- und Gämsbestände lokal spürbar stark reduziert werden.

Ziele

Es sollen alle Bestimmungen des Zweckartikels (Artikel 1) des Bundesgesetzes über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel vom 20. Juni 1986 (JSG; SR 922.0) berücksichtigt werden.

In der Schweiz soll eine langfristig überlebensfähige und den Verhältnissen angepasste Population von Luchsen leben können. Der Luchs bleibt in den jetzt schon besiedelten Lebensräumen erhalten, und die Voraussetzungen für die Verbreitung in neue Lebensräume werden geschaffen.

Die Präsenz von Luchsen soll nicht zu unzumutbaren Einschränkungen in der Nutztierhaltung führen.

Schutzmaßnahmen für Nutztiere

Bund und Kantone schaffen die Voraussetzungen zur Verhütung von Schäden, die Luchse an Nutztieren anrichten (Artikel 12 Absatz 1 JSG, Artikel 10 Absatz 4 JSV).

Die Anwendung von flächendeckenden Schutzmaßnahmen gegen Übergriffe von Luchsen für Nutztiere ist nicht notwendig. Jedoch in Gebieten mit wiederkehrenden, erhöhten Schäden (Hot Spots1) müssen situationsspezifisch Maßnahmen zur Prävention von Schäden ergriffen werden. Diese Schutzmaßnahmen werden im Rahmen von regionalen Projekten ergriffen und nach Artikel 10 Absatz 4 JSV vom BUWAL (Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft) unterstützt. 

Das BUWAL führt eine neutrale Koordinationsstelle für Schutzmaßnahmen. Die Aufgaben der Koordinationsstelle sind:
- in Zusammenarbeit mit den Kantonen und dem BUWAL, die Koordination der Schutzmaßnahmen
- in Zusammenarbeit mit den Kantonen, die Beratung der Direktbetroffenen
- die Koordination der materiellen und finanziellen Unterstützung für die Anwendung der Schutzmaßnahmen
- das Sammeln von Erfahrungen mit Schutzmaßnahmen und deren Weitergabe in geeigneter Form

Neuweltkameliden und Hirschartige (Cerviden) in Gehegen sollten vor Luchsen geschützt werden. Der Bund kann entsprechende Schutzmaßnahmen unterstützen.

Schäden durch Luchse: Feststellung und Entschädigung

Das BUWAL führt periodisch Aus- und Weiterbildungskurse für die kantonalen Vollzugsorgane durch (Artikel 14 JSG). 

Eine Entschädigung erfolgt im Grundsatz gegen Vorweisung des vom Luchs getöteten Nutztieres. 

Die Schäden an Nutztieren durch Luchse werden nach Artikel 10 Absatz 1 – 3 JSV durch Bund und Kantone gemeinsam entschädigt.

In den vom Luchs besiedelten Gebieten können die Kantone nach Artikel 10 Absatz 1 – 3 JSV Entschädigungen in Höhe von 50% des geschätzten Wertes des Tieres bezahlen, wenn der Luchs als Verursacher des Schadens nicht ausgeschlossen werden kann. 

In zweifelhaften Fällen kann die kantonale Verwaltung eine Expertise durch Spezialisten des Institutes für Tierpathologie der Universität Bern (FIWI) anfordern. 

Den Kantonen wird empfohlen, für die Bestimmung der Entschädigungshöhe die Einschätztabellen der nationalen Zuchtverbände bei zuziehen.

Schäden an Neuweltkameliden und an Cerviden in Gehegen werden beim ersten Schadenfall entschädigt. Bei weiteren Schäden sollte die Entschädigung nur erfolgen, wenn in der Folge des ersten Schadenfalls geeignete Schutzmaßnahmen ergriffen wurden. 

In Hot Spots soll die Entschädigung nach den ersten Fällen nur ausgerichtet werden, wenn zumutbare, technisch mögliche, praktikable und finanzierbare Schutzmaßnahmen ergriffen wurden.

Eingriffe in den Luchsbestand

1. Einzelner, schadenstiftender Luchs: Schäden an Nutztieren

Der Kanton kann für Luchse, die erhebliche Schäden an Nutztieren anrichten, eine Abschußbewilligung erteilen (Artikel 12 Absatz 2 JSG). Die interkantonale Kommission ist vorhergehend zu konsultieren. 

Nach Möglichkeit sind bei gerissenen Nutztieren Fotofallen zu installieren, damit die Schäden verursachenden Luchse individuell identifiziert werden können. Verursachen mehrere Luchse Schäden an Nutztieren im gleichen Gebiet, so gelten die aufgeführten Kriterien (Pkt. 4.4.2) für jeden der schadenstiftenden Luchs einzeln. 

Die Kantone entscheiden über die Anerkennung von Rissen für die Erteilung einer Abschußbewilligung. Nicht anerkannt werden sollen:
- Nutztiere, die in einem Gebiet getötet wurden, wo trotz früheren regelmäßigen Schäden durch Luchse keine zumutbaren Schutzmaßnahmen ergriffen wurden, obwohl diese technisch möglich, praktikabel und finanzierbar gewesen wären, ungeschützte Neuweltkameliden sowie Cerviden in Gehegen.
- teilentschädigte Nutztiere (nicht eindeutige Risse).
- Gerissene Nutztiere im Wald, außer in Gebieten wo gemäß Waldgesetz ein geordneter Weidegang erlaubt ist. 

Die zuständigen kantonalen Behörden beauftragen Aufsichtsorgane oder einzelne Jagdberechtigte mit dem Abschuss des Luchses. 

Es muss die Gewähr bestehen, dass nur der schadenstiftende Luchs erlegt wird. Daher soll der Abschuss im Schadenperimeter und an einem gerissenen Nutztier erfolgen. 

Wenn der schadenstiftende Luchs aufgrund von Fotofallen oder eines Senders außerhalb des Schadenperimeters identifiziert wird, kann er auch dort nach Rücksprache mit der zuständigen interkantonalen Kommission an einem gerissenen Nutztier erlegt werden.

Die Abschussbewilligung ist auf maximal 60 Tage zu befristen. Sie kann bei weiteren Schäden verlängert werden (bis höchstens. 30 Tage nach dem letzten Schadenereignis).

2. Kriterien für den Abschuss eines einzelnen schadenstiftenden Luchses 

Die Kriterien für die Erteilung einer Abschussbewilligung sind:
- Mindestens 15 vom Luchs gerissene und vorgewiesene Nutztiere in einem Umkreis von 5 km Radius innerhalb von zwölf Monaten. Diese Zahl reduziert sich auf 12 gerissene Nutztiere, falls in den vorhergehenden zwölf Monaten bereits im selben Schadenperimeter mehrere Nutztiere gerissen worden sind und keine Abschussbewilligung erteilt oder diese nicht vollzogen wurde oder trotz eines Abschusses die Rissserie an Nutztieren weiter ging.
- Falls nach dem Abschuss eines Luchses die Rissserie aufhörte, so gilt wieder das Kriterium von 15 gerissenen Nutztieren.
- Wurde für einen identifizierten schadenstiftenden Luchs bereits einmal eine Abschussbewilligung erteilt, so kann der Kanton bereits bei einer geringeren Anzahl gerissener Nutztiere und nach Absprache mit der zuständigen interkantonalen Kommission die Abschussbewilligung für diesen Luchs erneut erteilen, unabhängig vom Schadenperimeter der früheren Abschussbewilligung.

3. Reduktion des Luchsbestandes 

Ein hoher Luchsbestand kann lokal oder regional einen starken Einfluß auf die Hauptbeutetierarten Rehe und Gämse haben. 

Ein hoher Luchsbestand kann lokal und regional zu vermehrten Schäden an Nutztieren führen, ohne dass es sich nur um Schadenstiftende Luchse nach 1. und 2. handelt.

Eingriffe in den Luchsbestand sind nach Artikel 7 Absatz 2 oder Artikel 12 Absatz 4 JSG möglich. 

Gefährden Luchse die Artenvielfalt in einem Kompartiment oder Kompartimentsteil, so analysiert die zuständige interkantonale Kommission die Situation und koordiniert das weitere Vorgehen. Die Vertreter der Kantone in der interkantonalen Kommission
können anschließend beim BUWAL um die Zustimmung zum Abschuss von Luchsen in einem Kompartiment oder einem Teil davon ersuchen (Artikel 7 Absatz 2 JSG). 

Bei Problemen aufgrund eines hohen Luchsbestandes in einem Kompartiment oder Kompartimentsteil analysiert die zuständige interkantonale Kommission die Situation und koordiniert das weitere Vorgehen. Die Vertreter der Kantone in der interkantonalen Kommission können anschließend beim UVEK um die Zustimmung zur Verringerung des Bestandes in einem Kompartiment oder einem Teil davon ersuchen (Artikel 12 Absatz 4 JSG). Das Gesuch ist zu begründen (Artikel 4 Absatz 2 JSV; s. Anhang). 

Die Luchsbestände in den jeweiligen Kompartimenten oder Kompartimentsteilen dürfen durch einen Eingriff nicht gefährdet werden.

1 Hot Spot oder Schaden-Konzentrationsgebiet: einzelne Weiden oder Weidenkomplexe, wo aufgrund von Habitat und Topographie wiederholt Schäden durch Luchse auftreten, unabhängig vom Individuum und von der generellen Schadensituation.

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Kontakt

JagdSchweiz
Peter Zenklusen, Vize-Präsident, peterzenklusen@sunrise.ch, 079 503 91 13

Pro Natura
Mirjam Ballmer, Projektleiterin Naturschutzpolitik, mirjam.ballmer@pronatura.ch, 079 416 65 94

Schweizerischer Schafzuchtverband
German Schmutz, Präsident, german.schmutz@pro-inel.ch, 079 204 52 54

WWF Schweiz
Kurt Eichenberger, Grossraubtier-Experte, kurt.eichenberger@wwf.ch, 079 830 96 80

Mediendokumentation: www.pronatura.ch/wolf

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