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Autor: Böcker | Datum: 06.09.2013 | Kommentare: 0

Schutzmaßnahmen von Gehegewild unter Anwesenheit von Wölfen

Verschiedene Schutzmaßnahmen zur Abwehr von Wolfsangriffen auf Nutztiere sind bereits bekannt. Der Fokus liegt dabei normalerweise auf dem Schutz von Ziegen- oder Schafherden. Die Umstände der Gehegewildhaltung erschweren den Einsatz mancher Abwehrmechanismen, die sich für den Schutz von Schafen oder Ziegen gut eignen. In diesem Artikel soll ein Überblick über Maßnahmen gegeben werden, die für den Schutz von Wildgehegen vor möglichen Wolfsangriffen eingesetzt werden können.

Da Wölfe bei der Wahl der Beute nicht zwischen Wildtieren und Nutztieren unterscheiden, wird in Gebieten mit nachgewiesenen Wolfsvorkommen der Schutz von Nutztieren und Gehegewild empfohlen.  

Generell sind in Deutschland Übergriffe von Wölfen auf Gehegewild im Vergleich zu Übergriffen auf Schafherden ein seltenes Ereignis. In den Jahren 2002 bis 2012 wurden in der Lausitz 362 Schafe und 12 Tiere aus Wildgehegen in die Schadensstatistik aufgenommen (www.wolfsregion-lausitz.de). Um das Risiko eines Wolfsangriffes auf Gehegewild einschätzen zu können, müssen die Angriffe in Relation zu der Anzahl von Gehegen bzw. Schafherden gesetzt werden. Wie viele Schafherden es in Deutschland gibt, lässt sich faktisch nicht beantworten, da in der Herdenstruktur wahrscheinlich eine relativ große Schwankungsdynamik herrscht. Vergleicht man allerdings die Zahlen der Individuen in der BRD, wird das Aufkommen von Schafen und Gehegewild deutlicher. Auf etwa 1,65 Mio. Schafe (statistisches Bundesamt 2011) kommen etwa 115.000 Tiere in ca. 6.000 Wildgehegen (Sächsischer Agrarbericht 2012). Bei den meisten Übergriffen von Wölfen auf Gehegewild wurden die Zäune durch den Wolf untergraben oder das Eindringen war über nicht abgesicherte Gräben möglich.

Bei der Haltung von Schafen oder Ziegen im Wolfsgebiet ist der Einsatz von Elektrozäunen heute Standard. Entsprechend sorfältig aufgestellt bieten dieser ab einer Höhe von 90 cm bereits einen guten Schutz vor Angriffen durch Wölfe, da Wölfe Hindernisse dieser Höhe nur äußerst selten überspringen. Entscheidend bei der wolfssicheren Zäunung ist neben einer gewissen Höhe der entsprechende Bodenabschluss der Zäune, da Wölfe sich gerne unter Hindernissen hindurch graben. Daran müssen sie durch einen Untergrabschutz gehindert weden. Hierfür stehen bei Wildgehegen drei verschiedene Methoden zur Verfügung:

 

Untergrabschutz durch stromführende Litzen

Verfügt man über einen Stromanschluss, Batterien oder eine Solaranlage in gehegenähe, lassen sich auf der Außenseite des Zaunes zwei Litzen befestigen, die unter Strom gesetzt werden (mind. 2500 V). Die untere Litze sollte hier einen Abstand von etwa 20 cm zum Boden nicht überschreiten, um ein Untergraben zu verhindern. Der gleiche Abstand sollte zwischen der ersten und der zweiten Litze eingehalten werden. Wölfe sind intelligent und lernfähig, aber auch sensibel. Kommt ein Wolf mit der Litze in Berührung bei dem Versuch sich unter dem Wildzaun durchzugraben, erschrickt er vor dem Stromschlag und meidet in Zukunft diesen Bereich. Erläuterungen zur Bewuchsproblematik und zu den Kosten finden sich unten.

Untergrabschutz durch Knotengeflecht

Wenn keine Stromversorgung gewährleistet ist kann eine andere Methode zum Einsatz kommen, die in Australien über eine Länge von mehreren Tausend Kilometern bereits seit Jahrzehnten das Eindringen von Dingos in landwirtschaftlich genutzte Flächen verhindert: In der ersten Variante wird hierfür außerhalb des Zaunes ein Knotengeflecht in etwa 20 – 30 cm Höhe am bestehenden Wildzaun befestigt, senkrecht nach unten geführt und mit Erdnägeln am Fuß des Wildzaunes im Boden befestigt. Die übrigen 1 bis 4 m Breite des Knotengeflechts werden auf dem Boden ausgelegt und versetzt zu den Erdnägeln am Zaunfuß in einem 4m-Abstand erneut mit Erdnägeln befestigt (s. Abbildung). Alternativ zu dieser Variante kann das nach außen verlegte Knotengeflecht auch einige Zentimeter in den Boden eingegraben werden. Kommt ein Wolf nun an den Zaun und beginnt mit dem Versuch sich untendurch zu graben, steht er bereits auf dem ausgelegten Zaun und wird nach einem Misslingen von dem Versuch absehen. Bei dem Einsatz von Netzen oder Drähten die auf dem Boden ausgebreitet werden ist unbedingt darauf zu achten, dass eine ausreichend geringe oder große Maschenweite gewählt wird, damit sich außerhalb des Geheges keine Wildtiere in dem Geflecht verfangen und verletzen können. Das Eingraben in wenige Zentimeter Tiefe würde dieses Problem ebenfalls verringern. Eine weitere Variante ist das senkrechte Eingraben des Zaunes in den Boden. Da hier eine Mindesttiefe von 50 cm für einen wirkungsvollen Schutz eingehalten werden muss, scheitert die praktische Umsetzung dieser Variante jedoch häufig an der Bodenbeschaffenheit (Steine, Wurzeln).

Neben diesen mechanischen Barrieren, oder den mit Schmerzen durch Stromschlag verbundenen Maßnahmen werden inzwischen diverse weitere Schutzmaßnahmen zum Vergrämen von Beutegreifern angeboten. Das sogenannte „FoxLight“, ein hell leuchtender Scheinwerfer, der das unregelmäßige Erscheinen von Menschen mit einer Taschenlampe imitieren soll, zeigt bei Wölfen maximal eine vorübergehende Wirkung. Ohne die Kombination von Lärm, Geruch und Vibration erlernt ein Wolf schnell, dass es sich hier nicht um eine Gefahr handelt. Der gleiche Effekt tritt bei Flatterbändern, auch Lappenzäune oder Fladry genannt, auf. Die von einer Schnur herunterhängenden Stofflappen irritieren Wölfe derart, dass diese die Konfrontation für eine gewisse Zeit meiden. Zur vorübergehenden effektiven Vergrämung werden Flatterbänder für den Herdenschutz in der Schweiz eingesetzt. Sie eignen sich jedoch nicht zur langfristigen stationären Wolfsabwehr.

Untergrabschutz durch in den Boden versenkte Stäbe

Eine weitere Methode, die einen wirksamen Untergrabschutz gegen Wölfe darstellt, ist das senkrechte Eintreiben von Stäben in den Boden. Diese Variante wird bisher nicht publiziert und beworben. Sie kommt lediglich bei einigen Nutztierhaltern zum Einsatz, die auf Grund kleiner Einzäunungsfläche die Möglichkeit für diese Alternative haben. Deutlich wird bei dieser Methode auch, dass der Arbeitsaufwand relativ hoch, dafür aber einmalig ist. Bei dem Eintreiben der Stäbe muss besonders darauf geachtet werden, dass der Abstand der Stäbe voneinander so gering gewählt wird, dass ein Wolf sich nicht hindurchzwängen kann. Die Tiefe der Stäbe im Boden sollte nach Möglichkeit mindestens 50cm betragen. Stoßen die Stäbe in geringerer Tiefe bereits auf Gestein sollte diese Tiefe ebenfalls ausreichen, da ein Untergraben nicht mehr möglich ist. Weitere Angaben zu dieser Methode können bisher nicht zusammengetragen werden und bedürfen künftig dokumentierter Testläufe.

Inwiefern beeinträchtigt Pflanzenbewuchs die Schutzwirkung?

Ein generelles Problem bei dem Einsatz von Stromzäunen oder -litzen ist, dass die Wirksamkeit durch den Bewuchs von Vegetation stark eingeschränkt sein kann. Das Ausbringen von Herbiziden ist in der Regel von der Genehmigungsbehörde nicht gestattet. Eine regelmäßige Mahd ist die einzige Möglichkeit dieses Problem zu kontrollieren, ist jedoch mit einem hohen  Zeit- und Arbeitsaufwand verbunden. Bei dem Einsatz von Knotengeflechten als Untergrabschutz besteht dieses Problem nicht. Ein Bewuchs hätte zwar die Folge, dass Wartung und Kontrolle des auf dem Boden ausgebrachten Zaunes erschwert würden, die generelle Schutzwirkung gegen Wölfe bliebe jedoch auch mit Aufwuchs erhalten. Sollte ein Wolf versucht haben sich unter dem Zaun hin durchzugraben, könnte der Versuch durch zerstörte Vegetation und aufgewühlten Aufwuchs eventuell sogar erst nachgewiesen werden.

Kostenaufstellung

Um einen Überblick über die Anschaffungs- und Unterhaltungskosten der beschriebenen Schutzmaßnahmen "stromführende Litze" und "Knotengeflecht" zu ermöglichen sind im Folgenden einige Preisbeispiele eines Weidezaunfachhändlers aufgeführt. 

Erweiterung durch Stromlitzen:

-          12V-Akkugerät                            350 – 450 €

-          Akku                                            60 – 200 €

-          Solarmodul (optional)                 160 – 540 €

-          Erdstab                                       10 – 20 €/St.

-          Isolatoren                                   0,08 – 0,5 €/St.

-          Litze oder Breitband                    7,95 €/250 m – 41,90 €/200 m

Erweiterung durch Knotengeflecht:

-          Knotengeflecht (z.B. Wildzaun)     30 €/50 m – 405 €/50 m

-          Erdnägel/Heringe                          1 €/St.

Die Preisspannen der Anschaffungskosten beider Schutzmaßnahmen sind sehr breit gefächert. Dies ermöglicht keine pauschale Aussage über den Preis, da die einzusetzenden Materialien und Geräte stark von den jeweiligen Standortbedingungen abhängig sind. In der Kostenaufstellung für eine Erweiterung durch Stromlitzen ist weiterhin auch der Preis für ein Solarmodul aufgeführt, mit dessen Einsatz es möglich ist einen Stromzaun ohne Anschlussmöglichkeit an das Stromnetz einzusetzen. Der Preis für das Solarmodul ist in der folgenden Beispielrechnung nicht berücksichtigt:

Kosten für die Aufrüstung eines beispielhaften Wildgeheges
mit 10 ha Größe

Für ein Beispielgehege mit einer Fläche von 10 ha werden ca. 1.400 m Zaunlänge benötigt. Sollte dieses Gehege mit den beschriebenen Schutzmaßnahmen aufgerüstet werden, ergäben sich folgende Kosten:
Bei der Aufrüstung durch Stromlitzen müssten das Netzgerät, ein Akku und die Erdstäbe einmalig, unabhängig von der Zaunlänge, angeschafft werden. Dies entspricht im günstigsten Fall einer Investition von 420 €, das leistungsstärkste Gerät und ein entsprechender Akku kosten inklusive Erdstäbe 670 €. Für die Ausstattung des 1.400 m Zaunes mit den günstigsten Litzen und Isolatoren sind ca. 120 € zu investieren, bei der Anschaffung von hochwertigen Litzen bzw. Breitbändern belaufen sich die Kosten auf ca. 760 €. Der Gesamtbetrag für die Aufrüstung des Beispielgeheges mit zwei Elektrolitzen und den entsprechenden Geräten läge hier in einem Rahmen von etwa 500 – 1.500 €.
Bei einer Aufrüstung mittels Knotengeflecht ergäben sich für das Beispielgehege je nach Auswahl des Geflechtes und der Umsetzung Anschaffungskosten von ca. 1.500 – 13.000 €.
Durch die Preisdifferenz der beiden preislichen Rahmen ist also zwingend eine zeit- und standortbezogene Betrachtung notwendig, die eine der Maßnahmen eventuell ausschließen oder begünstigen kann.

Abschließend ist anzumerken, dass die vorgeschlagenen Schutzmaßnahmen "strormführende Litze" und "Knotengeflecht" nicht für jedes Gehege angewendet werden können. Hänge, steinige Böden, Naturschutzflächen oder dichte Waldvegetation können die Umsetzbarkeit beider Varianten unmöglich machen. Bisher gibt es zu wenig Erfahrungen, um die Anwendbarkeit der dritten angesprochene Variante ("versenkte Stäbe") beurteilen zu können. Der Test und gegebenenfalls die Weiterentwicklung von Schutzmaßnahmen, die auch an schwierigen Standorten durchführbar und erfolgversprechend sind ist daher von hoher Wichtigkeit und Relevanz.

Weitere Informationen über den Schutz von Nutztieren können beispielsweise der Broschüre Mit Wölfen leben aus Sachsen entnommen werden.

(Gefühlte) Wahrheiten
Foto: Miha Krofel
Seit rund drei Jahrzehnten streifen durch einige Reviere Deutschlands wieder Luchse.
Doch immer noch ist die große Katze für viele eine Unbekannte. Miha Krofel begleitet seit
Jahren in Slowenien die Forschungsarbeiten rund um den Luchs. Er hat Ansichten und
Vorstellungen über das Raubtier gesammelt und gibt Antworten aus erster Hand.
22 Spektrum Wildkunde
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Autor und Fotograf: Miha Krofel
lich dem Leopard, sie jagen aber praktisch
nie von einer hohen Warte aus.
„Luchse trinken das Blut
ihrer Beute“
Luchse fressen Fleisch, sie trinken aber
nicht das Blut ihrer Beute. Die Löcher
im Hals von gerissenen Tieren stammen
von den Eckzähnen, da Luchse
ihre Beute meist durch einen Nackenbiss
töten.
„Luchse fressen nur frisches
Fleisch“
Wir haben Videoaufzeichungen an
Luchsrissen gemacht und dokumentiert,
dass Luchse fast immer über mehrere
Nächte hindurch zu ihrer Beute zu-
Der Eurasische Luchs ist die größte
Katzenart in Europa. Er und
der Wolf sind die beiden wichtigsten
natürlichen Beutegreifer für
Schalenwild in den Wäldern Zentraleuropas.
Doch wurden sie hier in den
vergangenen Jahrhunderten stark verfolgt.
Da Luchset nicht nur sehr selten
sind sondern auch einen äußerst heimlichen
Lebensstil pflegen gibt es nur
wenige Menschen, die jemals einen lebenden
Luchs in freier Wildbahn beobachten
konnten. Dieses Fehlen von eigenen,
persönlichen Erfahrungen mit dem
Luchs und die Weitergabe einzelner,
meist auch falsch interpretierter Anekdoten,
hat dazu geführt, dass viele „Mythen“
und falsche Einschätzungen über
den Luchs kursieren. Während der vielen
Jahre unserer intensiven Untersuchungen
über die Ökologie und das Verhalten
von Eurasischen Luchsen sind
uns immer wieder einige typische Ansichten
über den Luchs begegnet. Heute
haben wir durch die Ergebnisse solcher
großer Forschungsprojekte ein viel
wirklichkeitsnäheres Bild des Luchs
und seiner Rolle in der Natur.
„Luchse liegen auf Bäumen“
In freier Wildbahn klettern Luchs sehr
selten auf Bäume. Wir haben Spuren von
Luchsen im Schnee über viele Hunderte
von Kilometer verfolgt und niemals
beobachtet, dass eines der Tiere auf einen
Baum geklettert ist. Diese Vorstellung
vom Luchs, der auf Bäumen liegt
und dort von hoher Warte aus auf seine
Beute wartet, entstand in einer Zeit
als Luchse mit Hunden gejagt wurden.
In solchen Fällen bringen sich Luchse
– wie Katzen – auf Bäumen in Sicherheit.
Auch in Gefangenschaft kann man
Luchse öfter beobachten, wie sie auf
Bäume klettern und dort ruhen, ein Verhalten,
das sie in freier Wildbahn praktisch
nie zeigen. Jedoch verstecken sie
manchmal ihre Beute auf Bäumen, ähn-
Luchs auf einem Baum?
Ja – aber nur, wenn der
am Boden liegt.
Foto: Miha Krofel
Dieses Luchsweibchen
arbeitet in Zukunft für die
Wissenschaft.
Foto: Miha Krofel
23
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f
rückkehren, bis das gesamte Muskelfleisch
verzehrt ist. Werden sie jedoch
am Riss gestört, können sie die Beute
endgültig verlassen, selbst wenn noch
reichlich Fleisch daranübrig ist.
„Luchs und Wildkatze können nicht
zusammen vorkommen“
Obwohl es in sehr seltenen Fällen mal
vorkommen kann, dass ein Luchs eine
Wildkatze tötet, gefährdet eine solcher
„Zufalls-Riss“ nicht das Vorkommen einer
Wildkatzen Population. Beide Arten
haben über Hunderttausende von Jahren
gemeinsam in den selben Waldgebieten
gelebt. Und auch heute noch
gibt sind in einigen Luchsgebieten sehr
hohe Wildkatzen Dichten, zum Beispiel
in den nördlichen Dinarischen Bergen
(Slowenien).
„Wölfe verjagen Luchse aus ihrem
Revier“
Alle Studien zeigen, dass Wolf und Eurasischer
Luchs dieselben Gebiete besiedeln
ohne sich gegenseitig zu bedrohen.
Obwohl sich ihre Speisezettel zu
einem gewissen Teil überlappen, teilen
sie sich das Beutespektrum untereinander
auf: Wölfe jagen
vor allem Rotwild. Luchse spezialisieren
sich auf Reh und Gams. In ihrer
Rolle im Naturhaushalt ergänzen sich
die beiden Beutegreifer. Doch kann man
diese natürliche Balance durch ungeschicktes
Management aus dem Gleichgewicht
bringen.
„Mit den Ohr-Pinseln hört der
Luchs besser“
Die langen Haarbüschel an den Ohrspitzen
der Luchse haben keinen Einfluß
auf das Hörvermögen der Luchse. Noch
weiß man nicht genau, welche Funktionen,
diese auffälligen „Pinsel“ haben.
Aber am wahrscheinlichsten ist es,
dass sie der Kommunikation zwischen
den Luchsen dienen: Wenn
sich zwei Luchse begegnen, sehen
sie frühzeitig die Stellung der
Ohren des Gegenübers und können
dadurch dessen „Stimmung“
schneller erkennen – ähnlich unserem
Hoch- oder Zusammenziehen
der Augenbrauen.
„Luchse tragen das Haupt ihrer
Beute davon“
Niemals verschleppen Luchse das Haupt
der Beute. Der fehlende Kopf ist ein eindeutiges
Zeichen für einen Fuchsriss.
Füchse beissen das Haupt ab und vergraben
es manchmal im Boden. In der
Natur kommt es immer wieder vor, dass
der Fuchs ein vom Luchs gerissenes Reh
findet, daran frisst und dann das Haupt
„stiehlt“.
„Viele Luchse leben im
selben Gebiet“
Luchse sind streng territorial und verteidigen
ihr Revier gegenüber Luchsen
des gleichen Geschlechts. Doch die Territorien
einer Luchsin und eines Kuders
überlappen sich gewöhnlich. Meist sind
also zwei erwachsene Luchse in einem
Gebiet anwesend. Nur entlang der Grenzen
benachbarter Reviere überlappen
manchmal die Streifgebiete von zwei
Luchsinnen oder zwei Kudern. Besonders
während der Ranzzeit im Februar
und März kann das vorkommen.
Das innerartliche Territorialverhalten
verhindert auf dieses Weise, dass die
Luchsdichte in einem Gebiet über ein
bestimmtes Maß hinausgeht. Luchse
regulieren ihre Dichte als selber. In Zentraleuropa
liegen die höchsten Dichten
bei etwa 1 Luchs pro 10 000 Hektaren.
Wie alle Katzen genießen
auch Luchse ungestörte
Sonnenbäder.
Foto: Miha Krofel
Foto: Miha Krofel
Die Federbüschel dienen
nicht dem besseren Hören,
sondern eher als Stimmungsanzeiger
für Mit-Luchse.
24 Spektrum Wildkunde
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Entwicklung der Luchspopulation Sloweniens
Nahes Ende?
Sie galten als Erfolgsgeschichte von Wiedereinbürgerungen. Die
Luchspopulation im slowenisch-kroatischen Grenzgebiet entwickelte
sich anfangs prächtig. Heute kämpfen weniger als 20 Tiere ums
Überleben. Was ist passiert?
Luchs an der Trophäenwand:
Bis kurz vor dem 1. Weltkrieg lebten noch
Luche in Slowenien und Kroatien. Das
einst flächenendeckende Vorkommen
war im Laufe des 19. Jahrhunderts – wie
fast überall in Euroa – nur mehr mehr wenige,
von einander isolierte Vorkommen
zusammengeschrumpft. 1908 wurde
der letzte Luchs in Slowenien geschossen.
60 Jahre danach reifte bei den Jägern
Sloweniens und Kroatiens die Idee,
den Luchs wieder in die freie Wildbahn
der Dinarischen Gebirge zurück zu bringen.
Auf Initiative der Jagdverbände, in
Slowenien sind die Jäger in sogenannten
„Jagdfamilien“ organisiert, die jeweils
ein größeres Gebiet betreuen, wurden
1973 drei Kuder und drei Luchsinnen
aus den Karpathen geholt und in der
Kecevska Region (der ehemaligen Gottschee)
frei gelassen. Aus dieser Keimzelle
entwickelten sich die Luchse in den
darauffolgenden Jahren prächtig. Die Überlebenschancen
der Jungen waren nachweislich
hoch. Die Luchse breiteten sich in die
angrenzenden Gebiete in Kroatien und bis
nach Bosnien aus. Auch am nördlichen Rand
nahm das Verbreitungsgebiet langsam zu
und berührte sogar Grenzgebiete zu Italien
und Österreich.
Nachdem sich der Bestand so gut entwickelte,
wurde ab 1978 Luchse jagdbares Wild
und Abschussquoten frei gegeben. Die Strecken
nahmen in den folgenden 10 Jahren
beständig zu, zum Teil auf bis zu 12 Luchse
pro Jahr und im gesamten Luchsvorkommen
wurden über 300 Luchse in den 1980er und
1990er Jahren erlegt. Doch in den 1990 Jahren
nahm der Luchsbestand kontinuierlich
ab. Ein Teil Schuld daran tragen die in den
1990er Jahren sicher zu hoch angesetzten
Abschusszahlen. Die Jagdquote beruhte
auf Schätzungen des Frühjahrsbestandes
– und hier war durch unsachgemäßes
Monitoring die tatsächliche der Zahl der
Luchse überschätzt. Die Abschüsse wurden
daher schrittweise verringert. Trotzdem
erloschen einige Vorkommen in den
Randgebieten. 2003 wurde der letzte
Luchs legal erlegt und seit 2004 ist keine
nachhaltige Jagd auf den Luchs mehr
möglich. Trotzdem nahm die Zahl der
Luchse immer weiter ab. Denn die zeitweise
Überbejagung war nur ein Teil des
Problems. Die kleine Ursprungspopulation
von nur sechs Tieren war wie eine tickende
Zeitbombe für den Bestand. Die
Luchse Sloweniens und Kroatien tragen
heute eine hohe Inzucht-Last und mit jeder
Generation steigt dieser Inzuchtanteil.
Heute sind die alle Tiere in den Dinarischen
Berge so nah verwandt als wären
sie Bruder und Schwester. Weniger
als 20 Tiere gibt es wahrscheinlich nur
noch in der Region. Damit ist der Luchs
das am stärksten gefährdete Säugetier
in Slowenien und Kroatien. Die Zukunft
der slowenisch-kroatischen Luchse
hängt davon ab, ob frisches Blut durch
die Aussiedlung weiterer Luchse aus den
Karpathen eingeführt wird. Die Jäger Sloweniens
stehen jedenfalls weiter zu „ihren“
Luchsen. In Umfragen zeigt sich immer
wieder, dass über drei Viertel der
Jäger einer Bestandesstützung positiv
gegenüber stehen. Sie freuen sich auf
neues Leben in ihren Revieren –und vielleicht
in Zukunft, wieder einen Luchs an
der Trophäenwand. CM
Die slowenischen Jäger lieben ihren
Luchs – auch als jagdbares Wild.
Mythenbildung: Luchse lassen sich kaum beobachten und
deshalb sammeln sich nur schwer sichere Erfahrungen.
Entwicklu ng der Luchss tre cke im sl owenisch-kr oatische n Luchs gebiet
Grafik: Miha Krofel
Foto: Miha Krofel
legal erlegte Luchse
16
14
12
10
8
6
4
2
0
1974
2002
1976
1978
1980
1982
1984
1986
1988
1990
1992
1994
1996
1998
2000
andere, bekannte Todesursachen
Zahl der toten Luchse pro Jahr
25
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f
„Luchse rotten das Wild in ihrem
Revier aus“
Die Evolution hat mit dem Luchs einen
spezialisierten Jäger von kleineren
Schalenwild Arten geschaffen – doch
seine Beute rottet er nicht aus, würde
er doch dann selbst verhungern. Jedoch
können Luchse die Dichte ihrer Beutetiere
begrenzen. Das ist ihre „Aufgabe“
in der Natur. Ganz allgemein ist der Einfluß
von Luchsen auf ihre Beutetiere
höher in Gebieten, in denen diese nur
in sehr niedrigen Dichten vorkommen,
zum Beispiel in bestimmten Regionen
Skandinaviens. Für Zentraleuropäische
Verhältnisse, wie in Slowenien, haben
wir berechnet, dass ein Luchs durchschnittlich
0,1 bis 0,5 Stück Schalenwild
pro 100 Hektar und Jahr erbeutet.
Das entspricht etwa 5-15 Prozent
der Höhe der jagdlichen Entnahme aus
einem Rehwildbestand und rund drei
Prozent der Rehpopulation. Davon abgesehen
hat die Anwesenheit von Luchsen
natürlich auch Auswirkungen auf das
Verhalten des Rehwildes. Es kann vorsichtiger
werden und dadurch schwierig
zu beobachten sein.
„Luchse jagen nur Rehwild“
Auch wenn Rehwild in den meisten
Luchsgebieten Zentraleuropas die wichtigste
Beutetierart ist, Luchse verspeisen
aber gelegentlich auch noch andere
Arten, ob Säugetiere, Vögel oder
Reptilien. Eine wichtige „Zweit-Beute“
können zum Beispiel Siebenschläfer,
Gams, Rotwild oder Hasen sein. Und
wenn Weidetiere nicht geschützt sind,
können auch sie dem Luchs zum Opfer
fallen.
„Luchse reißen die stärksten Tiere
des Bestandes“
Es gibt Studien, in denen die Kondition
und Fitness von Tieren , die der Luchs
gerissen hat verglichen wurde mit Tieren,
die von Jägern erlegt wurden. Dabei
zeigte sich, dass Luchse eher schwächere
Stücke erbeuten. Jedoch kann
der Luchs auch gesundes Wild reissen,
besonders, wenn es einfach weniger
schwache Stücke im Revier gibt.
Der durchschnittliche Jagderfolg eines
Luchses ist vergleichsweise gering, deshalb
fällt es ihm leichter ein Stück in
schlechterer Kondition er erbeuten. Darin
liegt eine wichtige Rolle großer Beutegreifer
im Naturhaushalt - sie tragen
zum guten Gesundheitszustand ihrer
Beutetierpopulationen bei.
„Der Luchs ist für den Menschen
gefährlich“
Gesunde Luchse greifen keine Menschen
an, selbst wenn dieser sich den
Jungen nähert oder sie sogar verletzt. Jedoch
verteidigen sich Luchse, wenn sie
gefangen werden, zum Beispiel in einer
Falle. Auch mit Tollwut infizierte Luchse
können aggressiv reagieren.
„Der Luchs gehört eigentlich nicht
in unsere Wälder“
Der Eurasische Luchs kam in allen Ländern
Zentraleuropas natürlich vor. In
unseren Waldgebieten hat er mindesten
100 000 Jahre überlebt. Er verschwand
im Laufe des 18. bis 20. Jahrhunderts
als Zuge starker Verfolgung durch den
Menschen. Auch die Zerstückelung letzter
Rückzugsgebiete und starke Reduktion
der Schalenwildbestände im Laufe
des 19. Jahrhunderts trugen zum Verlust
der Luchse in vielen Ländern bei.
Heute wird in einigen Länder Zentraleuropas
versucht, den Luchs wieder in
einen Teil seiner alten Lebensräume zurück
zu bringen. eu
Übersetzung: Dr. Christine Miller
Verschwindet er ein zweites Mal?
Die Luchskolonien in den Alpen
sind zu klein und isoliert für ein
langfristiges Überleben.
Foto: Miha Krofel
Die jungen Luchse werden in der Höhle
gesäugt, bis sie alt genug sind, die Luchsin
zu einem Riss zu begleiten.
Foto: Miha Krofel
i Miha Krofel, Dep. of Forestry, Biotech.
Faculty, University of Ljubljana, Vecna pot 83,
1001 Ljubljana, Slowenien
26 Spektrum Wildkunde
lo 16/2012
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ein Kooperationsprojekt der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) © 2016 - ein Kooperationsprojekt der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) unter Beteiligung von Jagd-, Naturschutz- und Landwirtschaftsverbänden

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Luchs und Wolf in Baden-Württemberg, Schwarzwald, Schwäbische Alb, Schwäbischer Wald